gebraucht; gut - Papier gebräunt. - Emil Julius Gumbel (1891 - 1966) war Mathematiker, u. a. mit seinem fachlichen Wissen politischer Publizist, Pazifist und Gegner des Faschismus. Er lehrte von 1923 bis 1932 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 1933-1940 in Lyon und 1953 an der Columbia-Universität. Sein Buch über 'die deutschen nationalistischen Geheimbünde' erschien erstmals 1924. Mit diesem Text blieb sich der gerade erst berufene Heidelberger Statistiklehrer treu: 1919 war seine Schrift ‚Vier Jahre Lüge' (in der Flugschrift des "Bundes Neues Vaterland", Nr. 5.) erschienen - eine Sammlung von Zitaten und Auszügen aus Reden des Kaisers sowie amtlichen Verlautbarungen und Aussprüchen von Politikern und Militärs in den Kriegsjahren und davor. Dem Leser lieferte er seine Publikationsabsicht als Imperativ: seine Stimmensammlung solle "das unerhörte Maß der Lügen" dokumentieren, "die das kaiserliche Deutschland aufgehäuft hat, um das deutsche Volk in diesen Krieg hineinzuhetzen". Der Leser möge sich deshalb "die Zufälligkeit der Auswahl" als Anlaß für eine Selbstbefragung zu Herzen nehmen: "bei welchen Gelegenheiten hast auch Du dich betrügen lassen." 1921 veröffentlichte er seine Befunde über ‚Zwei Jahre Mord', in der er als lehrender Statistiker zunächst alle politischen Morde zwischen Januar 1919 und Dezember 1920 erfaßte, sie politischen Motiven zuordnete und den juristischen Umgang in allen Fällen nachvollzog. Sein Befund: 318 politische Morde von rechts wurden mit 31 Jahren, 3 Monaten und einer lebenslangen Festungshaft bestraft, 16 politische Morde von links mit 8 Todesurteilen und 239 Jahren Haft ausgeurteilt. 1922 erweiterte er seinen Erhebungsrahmen: ‚Vier Jahre politischer Mord' - ab der Auflage 1927 mit einem Vorwort Albert Einsteins und gleichen Befunden. "Zwei Jahre Mord" und "vier Jahre politischer Mord" erreichten bis 1922 eine Gesamtauflage von 18.000. Während seiner Abrechnungen mit rechter Gewalt und gleichgesinnter Justiz habilitierte sich Gumbel 1923 und wurde im Sommersemester von der Heidelberger Universität als Privatdozent an das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften der Ruperto Carola berufen. Im Sommer 1924 kamen zwei Aufreger zusammen. Sein nächstes Buch erschien: "Verschwörer. Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde". Die Reaktion: der Rektor der Universität, der Anatom Erich Kallius, fragte kurz nach Erscheinen des Buches seine philosophische Fakultät, "ob sie gewillt ist, dem Fall gegenüber irgendwie Stellung zu nehmen." (01.07.1924). Wenig später (26.07.) lud Gumbel als Vorsitzender der Heidelberger Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) im Juli 1924 zu einer Veranstaltung ein: "Nie-wieder-Krieg! - Zur zehnten Wiederkehr des Kriegsausbruchs'. Er beendete die Vorträge des französischen Poincaré-Gegners Balmain und des SPD-Reichstagsabgeordneten Ströbel mit einer Aufforderung an die Versammlung: "Ich bitte die Anwesenden, zwei Minuten im Schweigen der Toten des Weltkrieges zu gedenken, die - ich will nicht sagen - auf dem Felde der Unehre gefallen sind, aber doch auf gräßliche Weise ums Leben kamen." Bereits am drei Tagespäter reagierte sein Rektor mit einer Aufforderung an seine philosophische Fakultät: "Da diese unerhörte, alle Volkskreise gleichermaßen beleidigende Äußerung sicher gegen die Achtung und das Vertrauen eines akademischen Lehrers in gröblichster, wohl nicht zu überbietender Weise verstößt, sollte die Einleitung des Untersuchungsverfahrens gegen Herrn Gumbel in die Wege geleitet werden. . . Ich halte die Würde der Universität für so unerhört verletzt, daß größte Eile notwendig ist." Die Vertreter der Fakultät , darunter Karl Jaspers und Alfred Weber, reagierten auftragsgemäß: am 06.08., elf Tage nach Gumbels Äußerung, befürwortete der ‚engere Senat der Universität' den Entzug der Lehrbefugnis. Noch am selben Tage entschied dann aber der letztlich zuständige badische Minister für Kultus und Unterricht, Willy Hellpach (DDP), diese vorläufige Suspendierung aufzuheben. Die folgenden professoralen und studentischen Kampagnen gegen Gumbel zogen sich bis 1932. Außenstehende praktizierten Solidarität. Zum Beispiel Einstein: er schrieb 1930 an seinen Heidelberger Kollegen Radbruch: "Den Ausspruch vom Felde der Unehre kann ich keineswegs verdammen , denn es kann nicht als ehrenvolles Geschäft betrachtet werden, andere Menschen zu töten, weil sie anderswo geboren sind. Warum also die Heuchelei?" Und Kurt Tucholsky wurde deutlicher: "Den Denunzianten unter seinen Kollegen und unter den Studenten sei ge-sagt: Das moderne Schlachtfeld ist weder ein Feld der Ehre noch ein Feld der Unehre. Es ist die Abdeckerei der Kaufleute, wo Sadisten, Ruhmbesoffene, wehrloses Gesindel und Unschuldige, Unschuldige, Unschuldige ermordet werden." 1932 war Gumbel sich wieder in aller Öffentlichkeit treu: auf einer Versammlung der Sozialistischen Studentenschaft erklärte er mit Blick auf die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs, dass eine "große Kohlrübe" ein geeigneteres Kriegsdenkmal sei als "eine leichtbekleidete Jungfrau mit der Siegespalme in der Hand". Auf einen Antrag der Philosophischen Fakultät hin eröffnete das Kultusministerium - mittlerweile unter Leitung des Zentrumspolitikers Eugen Baumgartner - eine Untersuchung gegen Gumbel, dessen Verteidigung Radbruch übernahm. Die Entscheidung: der Entzug der Lehrerlaubnis. Die Begründung: die "Struktur seiner Gesamtpersönlichkeit". (Christian Jansen, Der "Fall Gumbel" und die Heidelberger Universität. 1924- 1932. Heidelberg 1981 (= Heidelberger Texte zur Mathematikgeschichte)