gebraucht; aktzeptabel - Einband randrissig, an den Kanten bestoßen, fleckig, Buchschnitt unregelmäßig.Erstveröffentlichung 1902. - Der anonyme Autor griff mit seinem 'aufrichtigen Wort an Vera' im Namen seines Geschlechtsgenossen Georg in eine beachtliche Literaturdebatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Die Frauen hatten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts organisiert begonnen, sich gegen die männliche 'Ordnung der Dinge' zu wehren. Wichtiges Medium des Widerstands war dabei das gedruckte Wort. Den Diskussionsstand der Jahrhundertwende spiegeln u. a. die Beiträge der Zeitschrift 'Dokumente der Frauen', die seit 1899 erschien. Hier beschäftigten sich Autorinnen und Autoren mit der Bereitstellung von Wissen und Meinungen, die das "moderne Weib" widerstandsfähig machen sollen: gegen die "Suggestion eines Lebensideales individueller Selbstauslöschung im Gattungsdienste". Vor diesem Hintergrund erschien 1902 ein Bändchen, das die österreichische und deutsche Leserschaft noch im gleichen Jahr zu zwölf Auflagen aufregte ( insgesamt brachte es Vera auf 23 Auflagen): das Tagebuch eines Mädchens, das sich "zwischen idealisierten Keuschheits-vorstellungen und durch 'wahre' Liebe nobilitiertem sexuellem Begehren zerrissen fühlt". Die anonyme Autorin war die damals 24jährige Bettina Dorothea Kurth (1878 - 1948) - Tochter eines bekannten Wiener Advokaten (Samuel Kris), Cousine eines prominenten Psychoanalytikers (Ernst Kris) und spätere Kunsthistorikerin mit dem Spezialgebiet mittelalterliche Tapisserien. Im Tagebuch ihrer Vera arrangierte die Autorin eine Geschichte, die es ihr erlaubte, Überzeugungen der damaligen Frauenrechtsbewegung als existentielle Bekenntnisse einer jungen Frau zu beleben. Vera ist verliebt und bereit zur Ehe. Das Objekt ihres Begehrens ist jener Georg, in dessen Namen sich der Anonymus unseres Buches mit seiner 'aufrichtigen Wort' an die Hauptakteurin richtet. Denn eine Zufallsbegegnung ändert alles: Georg und eine zwielichtige Passantin kennen sich offenbar. Und Georg gesteht. Es stellt sich heraus, dass er ein Mann seiner Zeit war: "Er führte das Geschlechtsleben der meisten Männer. Leichtgelöste Verhältnisse ohne Gefühlsketten, bezahlte Liebe in wahllosem Sinnenbedürfnis, ein Leben, das das Edelste verschwendete, ohne dessen Wert zu kennen. Er warf seine Reinheit fort, wie einen schmutzigen Papierfetzen. Ja, er hatte nie das Bewusstsein von dem Wert dieser Reinheit. Er dachte nie einen Augenblick daran, dass das Wesen, das sich ihm einst geben würde in vollster, reinster Hingabe - diese Reinheit von ihm fordern könnte."(S.60) Nach diesem Geständnis und der Durchsicht "einige(r) Werke … über das Geschlechtsleben des Mannes" (S. 66) teilt Vera die Meinung ihrer Erfinderin: "Der Mann verlangt von dem Mädchen seiner Wahl nicht Keuschheit allein, sondern auch einen unbefleckten Ruf. Mit Recht! Und das Weib soll ihren Gatten mit Straßendirnen teilen? Sie soll die Schmerzen der Mutterschaft tragen, mit dem furchtbaren Bewußtsein, dass der Vater ihrer Kinder in gekauften Umarmungen seine Jugendkraft vergeudete - - - sich nicht scheute vor dem Schmutz, vor ekelhaften Krankheiten, in gemeiner tierischer Sinnlichkeit seine Reinheit fortwarf..." (S. 69). Vera beendet die Beziehung, indem sie sich tötet: als Fanal. "Die Leute, die in ihrer grobsten Alltäglichkeit meine Ideen als überspannte Unmöglichkeiten belächelt haben, die Manner, die mich - nicht ohne verstecktes Schuldgefühl - verspottet haben... die werden einen Augenblick aufhören zu lächeln, wenn sie es erfahren. Und manches reine, feinfühlende Weib, das von meinem Schicksal liest...wird es mit mir verstehen - vielleicht erleiden und erleben...Und wenn ich nur ein einziges Steinchen zu diesem Wunderbau einer reinern, keuschern Zukunft zu tragen vermöchte … es wäre nicht zu teuer erkauft mit meinem Leben." (S. 112). Der moralische Imperativ war unmißverständlich und männerweltbewegend. Vera opfert sich für eine Zukunft von Frauen und Männern, für die gleichermaßen das Gebot des exklusiven Umgangs mit Sexualität galt. Vera fordert Reziprozität. Das Interesse an ihrer Geschichte war groß, die Reaktionen absehbar. Auf beiden Seiten. Bei den Geschlechtsgenossinnen: hier ließ sich eine Leipziger Autorin "im Geist Veras" zu einer "flammenden Anklageschrift gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten 'sittlichen' Anschauungen" mitreißen. Ihre Nachricht: "die Laxheit der männlichen Moral" vergifte "Leib und Seele und führe Frau und Mann zum Untergang." Die Autorin: Gerda Schmidt-Hansen, 'Eine für Vera. Aus dem Tagebuch einer jungen Frau'. Dagegen sandte die Wiener Journalistin und Autorin Christine Thaler in einem 'offenen Brief', 'Eine Mutter für Viele', die Botschaft: nehmt's leicht, so sind die Männer. Und demnach gilt: "entweder - oder, meine Damen! Entweder sie reihen sich unter das männerfeindliche 'dritte Geschlecht', entweder sie sorgen für sich selbst und verachten stolz die Liebe und die Stütze des Mannes. Oder Sie kriechen zu Kreuze, nehmen die Männer, wie sie immer waren und trachten, in den Hafen der Liebe und der Ehe zu flüchten." (S.31) Die Wiener 'Neue Freie Presse' las dies im Sinne ihrer männlichen Leser und reagierte erleichtert: "Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und Besonnenheit sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen werden das Sendschreiben der Mütterlichkeit hausbacken finden. Aber das verschlägt nichts. Aus ihm spricht eine aus Lebenskämpfen erwachsene Milde, die das Menschliche auch wenn es sich als ein Allzumenschliches erweist, verzeiht." Die Reaktion der Männer: in einer Wiener Hausfrauenzeitschrift meldete sich ein Anomymus: Dr. H.-K. Er berief sich auf den kaiserlichen Rat Dr. Wilhelm (?) Degré, der sich in einer "geistreichen Broschüre" die Mühe "einer vernichtenden Kritik" gemacht hatte, die in einer "wissenschaftlich vornehmen Art den Beweis" erbringt, dass Vera krank, geistig nicht normal, konfus und total unfähig (ist) in der Beherrschung und Lösung einer Aufgabe." Der Autor des Heftes 'Arme Seelen' war so dicht bei der Diagnose des kaiserlichen Rates, daß er Degré heißen könnte. Er teilt Vera mit: "Sie stehen, armes Kind, unter der Herrschaft einer Zwangsvorstellung, die aus der falschen Auffassung des männlichen Sittlichkeitsbegriffs entspringt und ihr Gefühlsleben vergiftet." (S.9) Vernünftig sei dagegen das naturgesetzliche Grundwissen: " Das Ziel und Ideal des Weibes, aber selbst des in Schutz und Laster verkommenen, ist und bleibt die Ehe, und der Mann sei er auch noch so sinnlich, verlangt ein Weib zur Ehe, das keusch war." (S.42) Dr. H.-K. Hält eine solche Pathologisierung Veras für geboten. Denn - so sein Befund: "Vera hat viele reine Seelen infiziert und würde eigentlich verdienen, daß sie ständig unter ärztlicher Kontrolle stehe." Eine Diagnose im Sinne unseres anonymen Jünglings Georg. Der ahnte nämlich: Veras Lehre "von der sexuellen Gleichberechtigung von Mann und Weib … (würde ausschließlich) Schule machen … im Reiche des horizontalen Handwerkes." (einen Überblick über die Stimmenvielfalt der damaligen Aufregung gibt: Sigrid Schmid-Bortenschlager, Vera - Ein Literaturskandal aus dem Wien der Jahrhundertwende; in: Irmgard Roebling (Hg.): Lulu, Lilith, Mona Lisa…, Frauenbilder der Jahrhundertwende; Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft, 1989).