| Beschreibung | Ehem. Bibliotheksexemplar (Literarische Abteilung der Metallgesellschaft A.G., Frankfurt). Etikettierung am Buchrücken, Stempel und Vermerke auf dem Titelblatt. Innen sauber und ohne Anstreichungen.Zunächst zu den Autoren: Kalichevsky war renommierter Erdölchemiker bei der Magnolia Petroleum Company (später Mobil Oil) und Kenneth A. Kobe war Professor für Chemieingenieurwesen an der University of Texas. Ihr Band stammt aus der Frühphase der modernen petrochemischen Literatur, geschrieben in einer Zeit, in der die chemische Raffination gerade dabei war, die klassische thermische Raffination zu verdrängen. Und dabei war das Erscheinungsjahr des Buches (1956) kein beliebiges Datum. Es markiert die Phase, in der die amerikanische und europäische Raffinerietechnik beginnt, die Rohölverarbeitung nicht mehr als "Erhitzen und Fraktionieren" zu begreifen, sondern als chemische Transformation. Cracken, Reforming, Polymerisation, Alkylierung, Isomerisierung - all das war nicht mehr experimentelle Technik, sondern längst industrielles Dogma. Ihr über 700 Seiten starkes Werk beschrieb detailliert die chemische Veredelung und Reinigung von Erdölprodukten. Dabei ging es nicht um das physikalische Destillieren oder thermische Cracken, sondern um den gezielten Einsatz von Chemikalien (Säuren, Laugen, Lösungsmittel, Adsorptionsmittel), um Schwefel, Stickstoff und andere Verunreinigungen aus Rohöl, Benzin, Kerosin und Schmierölen zu entfernen und darüber hinaus um Additive zur Leistungssteigerung beizumischen. Kalichevsky und Kobe schrieben damit für eine Industrie, die begriffen hatte, dass Rohöl kein "Naturstoff" ist, sondern ein chemischer Rohstoff, der durch gezielte Eingriffe in seine Molekülstruktur zu einem industriell steuerbaren Produkt wird. Das Interesse der Indusrie war ihnen sicher: dort war Qualitäts- und Ertragssteigerung gefragt. In den 1950er Jahren explodierte der Bedarf an hochoktanigem Autobenzin und reinem Flugkraftstoff. Raffinerien mussten lernen, auch minderwertiges, schwefelreiches Rohöl chemisch so zu reinigen, dass es die neuen Motorennormen erfüllte. Für die Metallgesellschaft im Jahr 1956 war dieses Buch ein strategisches Must-have von großer Tragweite: in den 1950er Jahren hatte sich die MG-Tochter Lurgi von einer Spezialistin für Kohlevergasung und Erzröstung weg zu einer weltweit agierenden Anbieteriin im Raffinerie- und Petrochemie-Anlagenbau neu-aufgestellt. Um großtechnische Raffinerien im In- und Ausland planen und bauen zu können, mussten die Frankfurter Ingenieure die chemischen Reinigungsprozesse der Amerikaner (die damals weltweit führend waren) beherrschen. Die Lurgi Mutter MG handelte nicht nur mit Metallen, sondern über ihre Tochtergesellschaften auch mit chemischen Hilfsstoffen, Erden (wie Bleicherden zur Ölreinigung) und Metallkatalysatoren. Das Buch von Kalichevsky und Kobe war ein perfektes Markt- und Bedarfshandbuch: Es zeigte der MG exakt auf, welche Chemikalien und Metalle die weltweite Erdölindustrie in den kommenden Jahren in gigantischen Mengen nachfragen würde. Mit alledem ist unser Buch eine wichtige Quelle für Technik- und Wirtschaftshistoriker. Es dokumentiert den exakten technologischen Stand der Erdölverarbeitung auf dem Höhepunkt des weltweiten Nachkriegs-Booms, und es beschreibt dabei detailliert, welche Chemikalien (oft hochtoxische Substanzen) in den Raffinerien der 1950er Jahre eingesetzt wurden. Und damit hilft es dann auch heutigen Umweltingenieuren bei der Bewertung und Sanierung alter Raffinerie- und Industriestandorte. |