Ehem. Bibliotheksexemplar (Literarische Abteilung der Metallgesellschaft A.G., Frankfurt). Etikettierung am Buchrücken, Stempel und Vermerke auf dem Titelblatt. Innen sauber und ohne Anstreichungen.Der erste Blick auf den Autor: P. Ridgeway Watt war britischer Spitzen-Ingenieur und Chemiker, der eng mit der industriellen Praxis im Vereinigten Königreich verbunden war (unter anderem forschte und entwickelte er für die bekannten 'Vitamins Ltd.'). Er war zugleich ein anerkannter Experte für die Konstruktion von Labor- und Industrieapparaten, die im extremen Hochvakuum operierten. Die von ihm modifizierten Apparate-Typen (wie der Vitamins-Watt-Drehkolbenverdampfer) gingen namentlich in die verfahrenstechnische Geschichte ein. Der Titel seines Buches macht jede 'unbefleckte' Kenntnisnahme unmöglich: Molekulardestillationsanlagen. Es ist Recherche geboten: bei der klassischen Destillation erhitzt man eine Flüssigkeit, bis sie kocht, die Dämpfe steigen auf und kondensieren. Das Problem: viele wertvolle, langkettige chemische Verbindungen (wie Vitamine, komplexe Öle oder Spezialkunststoffe) sind extrem thermolabil. Wenn man sie so weit erhitzt, bis sie unter normalem Druck kochen, zerfallen sie schlicht – sie verbrennen oder „verharzen“, bevor sie verdampfen.Die Lösung ist die Molekulardestillation (auch Kurzwegdestillation genannt) im absoluten Hochvakuum. Watts Buch beschreibt diesen physikalischen Extrembereich: der Druck wird extrem gesenkt: Im Inneren der Apparatur herrscht ein Vakuum.. Dadurch sinkt der Siedepunkt der Stoffe dramatisch. Sie verdampfen schon bei lauwarmen Temperaturen. Die „freie Weglänge“: das ist der Clou des Verfahrens. Das Vakuum frei von Luftmolekülen, dass ein verdampftes Molekül der Zielsubstanz auf seinem Weg keinerlei Hindernissen (Luftwiderstand) mehr begegnet.Die extreme Nähe (Kurzweg): Watt zeigt in seinen Konstruktionszeichnungen, dass die gekühlte Kondensationsfläche nur wenige Zentimeter (oder gar Millimeter) direkt gegenüber der beheizten Verdampferfläche liegt. Ein Molekül löst sich an der Wärme, fliegt ohne Zusammenstoß geradeaus durch das Hochvakuum und klatscht sofort an die Kühlwand, wo es flüssig aufgefangen wird. Die Substanz wird thermisch kaum belastet, weil die Verweilzeit auf der Heizfläche oft nur Sekundenbruchteile beträgt. Für die MG und die Planer der Lurgi war Watts Monographie aus zwei Gründen ein strategisches Kernwerkzeug: zunächsr bei der Planung und dem Verkauf von hochreinen Ölen und Vakuumpumpen für den Anlagenbau. Lurgi baute weltweit Industrieanlagen, die auf Vakuumprozesse angewiesen waren. Damit Hochleistungsvakuumpumpen überhaupt funktionierten, benötigten sie extrem spezialisierte Treibmittel- und Dichtungsöle (sogenannte Diffusionspumpenöle). Diese Öle durften im Betrieb selbst keinerlei flüchtige Bestandteile abgeben. Sie wurden exakt mittels der von Watt beschriebenen Molekulardestillation hergestellt. Um diese Öle einzukaufen, zu prüfen oder eigene Vakuumanlagen für Kunden zu dimensionieren, mussten die Frankfurter Ingenieure die physikalischen Grenzen der Apparate genau kennen. Gleichzeit expandierte Lurgi in den 1960er-Jahren massiv in die Chemie des Erdöls (Petrochemie) und in die Verarbeitung von Naturstoffen (z. B. die Gewinnung von hochreinen Fettsäuren, Sterinen oder Vitaminen aus pflanzlichen Ölen). Wer damals - wie Lurgi - Anlagen zur Raffination von Speiseölen, zur Gewinnung von Weichmachern für Kunststoffe oder zur Veredelung von schweren Erdölrückständen projektieren wollte, für den war Watts Buch die Konstruktionsbibel für den „Scale-up“ dieser empfindlichen Trennprozesse.
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