| Beschreibung | Ehem. Bibliotheksexemplar (Literarische Abteilung der Metallgesellschaft A.G., Frankfurt). Etikettierung am Buchrücken, Stempel und Vermerke auf dem Titelblatt. Innen sauber und ohne Anstreichungen.Wilhelm Borrmann war vermutlich (!) Verfahrensingenieur und Experte für Chemie- und Raffinerietechnik. Er gehörte ausweislich seines Buches Anfang der fünfziger Jahre zu den Fachleuten, die das technologische Wissen der deutschen Erdöl- und Kohlechemie nach dem Zweiten Weltkrieg für die zivile Praxis neu aufbereiten konnten. Sein Buch wurde im nordhessischen Verlag Gernot Hykel gedruckt. - damals als Nischenverlag ein Projekt, das sich in der schwierigen Wiederaufbauphase auf Ortschroniken, aber gezielt auch auf hochspezialisierte, technische Fachliteratur konzentrierte. Der Über den Autor ist nichts Weiteres ermittelbar. Durch den Druckort Frankenberg/Eder gibt es einen einzigen spekulativen Anhaltspunkt. Es arbeitete dort ein Unternehmen: C. H. Borrmann, Gesellschaft für Erdöl- und Teerverarbeitung, das kriegsbedingt aus Essen (Ruhrgebiet) nach Nordhessen gewechselt war. Die Gesellschaft war Spezialistin für Destillation, hielt bereits 1920 Patente für kontinuierliche Destillationsanlagen u. a. für die Gewinnung von Leichtöl zu Waschöl. So wenig wie vom Autor wissen, wir lernen aus seinem Buch, daß er in Sachen Raffinerietechnologie auf dem damals neuesten Stand war. Die Mitarbeiter der MG-Labore, die sich jahrelang damit beschäftigt hatten, Treibstoff über die Begius-Pier-Hydrierung aus Kohle herzustellen und dabei mit den Problemen gigantischer Drucke und Wasserstoffzusetzungen gekämpft hatten, lasen hier Überraschendes. Borrmanns erste Nachricht ist eine chemische Tatsache: Erdöl bringt die fertigen Kohlenwasserstoffketten bereits von Natur aus mit. Und mit diesem Befund erläuterte er den Laborexperten die modernen amerikanischen und britischen Verfahren des "Katalytischen und Thermischen Crackens". Hier wurden die Moleküle nicht künstlich zusammengesetzt, sondern durch Hitze und Katalysatoren materialschonend bei viel niedrigerem Druck (und damit billiger) zertrennt. Das war für die deutschen Kohlechemiker eine völlig andere Prozessarchitektur. Die zweite Neuigkeit war Bei der alten Kohlechemie hatte man es mit heimischer Braun- oder Steinkohle zu tun, deren Verunreinigungen man seit Jahrzehnten in- und auswendig gelernt hatte. Borrmanns Nachricht: das Rohöl kam nun per Tankschiff aus völlig unterschiedlichen Regionen der Welt (z.B. schweres, schwefelreiches Öl aus Kuwait oder leichtes Öl aus Saudi-Arabien). Borrmann berichtete von den verfahrenstechnischen Rezepte, wie man Raffinerieanlagen flexibel umstellen musste, um die extrem korrosiven Schwefelverbindungen und Metalle aus dem Rohöl herauszuwaschen, bevor sie die empfindlichen Konverteranlagen zerstörten. Und die dritte Meldung: er informierte seine Leser, die Praktiker des ‚Batch-Verfahrens' waren (=chargenweise Kesselproduktion), daß andernorts bereits vollkontinuierliche Destillationsstraßen betrieben wurden. Er erklärte den Portionschemikern in seinem Buch mathematisch und physikalisch, wie man in einem ‚Fließbetrieb' die Strömungsgeschwindigkeiten, die Temperaturgradienten in Fraktioniertürmen und die Wärmetauscher zu regelte, daß die Anlage rundum die Uhr durchlief. Dieses Wissen ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. zunächst läßt es weitere Spekulationen über unseren Autor zu: die Prozeduren und Anlagen, deren Abläufe er auf Maße und Formeln brachte, gab es damals nur in den USA. Die Vermutung: unser Frankenberger Kenner der Ölverarbeitung könnte nicht nur Verfahrensingenieur und Experte für Chemie- und Raffinerietechnik, sondern auch Kenner der nordamerikanischen Verhältnisse gewesen sein. Für die lesenden Nachkriegschemiker waren diese Vorstellungen praxisfern: die alliierten Besatzungsmächte hatten ihnen jede großindustrielle Erdölverarbeitung verboten, um eine erneute Rüstungsproduktion auszuschließen. Insofern war das Buch aus Frankenberg im Frankfurter Labor eine spannende Lektüre. Um so mehr weil im Erscheinungsjahr des Buches, am 3. April 1951, die Alliierte Hohe Kommission das ‚Abkommen über verbotene und beschränkte Industrien' revidierte: Verbote in Schlüsselindustrien wie der chemischen Industrie (z. B. synthetischer Kautschuk/Buna und Treibstoffe), dem Maschinenbau und der Schwerindustrie wurden drastisch gelockert oder komplett gestrichen. |