| Beschreibung | Ehem. Bibliotheksexemplar (Literarische Abteilung der Metallgesellschaft A.G., Frankfurt). Etikettierung am Buchrücken, Stempel und Vermerke auf dem Titelblatt. Einband leicht fleckig, abgegriffen Papier gebräunt.Bei einem derartig unhaltbaren Buch von drei Kilogramm ist die Frage nach dem Urheber zu stellen. Carl Paul August Zerbe (1894-1985) war Chemiker mit einer bemerkenswerten Karriere zwischen akademischen, industriellen und kriegswirtschaftlichen Funktionen. Und dabei seit den dreißiger bis in sechziger Jahre Spezialist für Kraft- und Schmierstoffforschung. Zerbe begann nach der Promotion 1921 als Assistent Franz Fischers im Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Er war dort Mitglied des Teams, das die Möglichkeiten der Kohleverflüssigung (Fischer-Tropsch-Synthese) untersuchte - eine Schlüsseltechnologie für den späteren Großanlagenbau. Übrigens: Während das Institut in Mülheim die chemischen Grundlagen erforschte, entwickelte Lurgi zwischen 1920 und 1936 die Großreaktoren dafür. In Frankfurt erfand man den späteren Verkaufshit ‚Druckvergasungs-Reaktor" (Festbettvergaser). Ohne diese Öfen hätte man die Kohle im industriellen Maßstab gar nicht in das Gas verwandeln können, das die Fischer-Tropsch-Synthese brauchte. 1926 wechselte Zerbe in die Privatwirtschaft: in die Gesellschaft für Teerverwertung mbH (GfT). Seine wesentliche Aufgabe bestand dort in der Erforschung und Weiterentwicklung der Hochdruck-Hydrierung und Spaltung von Kohle, Steinkohlenteer und dessen Destillationsprodukten. Und er wurde hier zum Spezialisten für das Bergius-Verfahren: während es Fischer und Topsch bei ihrer Synthese mit Kohle zu tun hatten, ging es bei der GfT um zähflüssigen Steinkohlenteer und Pech. Dieser Teer/Pech besteht bereits aus schweren, komplexen Kohlenwasserstoffen. Das Bergius-Verfahren war geeignet, diese bereits flüssigen Großmoleküle mit Wasserstoff direkt aufzuspalten ("zu cracken") und in leichtes, wertvolles Benzin zu verwandeln. 1930 ging Zerbe dann zurück in den akademischen Betrieb. Er habilitierte mit einer Arbeit über seine Erfahrungen mit dem Bergius Verfahren: "Über die chemischen Vorgänge bei der Hydrierung von Kohle unter hohem Wasserstoffdruck bei hoher Temperatur". 1933 verabschiedete er sich vom akademischen Betrieb und dem Benzinersatz und konzentrierte sich auf den Naturstoff: er ging ins Hamburger Labor der Rhenania-Ossag Mineralölwerke AG. Hier war er u. a. für die Optimierung von Mineralölen, Schmierstoffen, Verfahren zum katalytischen "Cracken" (Spalten) von Kohlenwasserstoffen sowie für die Entwicklung von Spezialverfahren wie dem sogenannten "Voltol-Verfahren" (elektrisch behandelte Öle) zuständig. Und damit war er bei dem Thema seines restlichen Lebens: nach der Kraftstoff- nun die Schmierstoffforschung. Und mit dieser Spezialisierung war er der Mann der Wahl, als es nach der Annexion der Niederlande um die Nutzung dortiger Ressourcen ging: er übernahm 1941 die Einbindung der Amsterdamer Laboratorien der Bataafsche Petroleum Maatschappij (BPM) in die deutsche Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Dabei ging es um sein Spezialthema: Kraft-, aber insbesondere Schmierstoffe. Während Deutschland künstliches Benzin (über das Bergius- oder Fischer-Tropsch-Verfahren) in großen Mengen selbst herstellen konnte, blieb die Produktion von Hochleistungs-Schmierstoffen der kritischste Engpass der Wehrmacht. Ohne Spezialöle blockierten Flugzeugmotoren in großen Höhen und Panzermotoren im russischen Winter. Zerbe koordinierte in Amsterdam die Forschung an Additiven und Veredelungsprozessen, um die Qualität der deutschen Öle auf ein kriegstaugliches Niveau zu heben. Nach 1945 kehrte Zerbe nach Hamburg in das Laboratorium der Rhenania-Ossag, zurück und wurde dort 1947 im Rahmen einer Neuaufstellung des britisch-niederländischen Firmeneigners zum Mitarbeiter des Weltkonzerns Royal Dutch Shell, der die Rhenania-Ossag 1920 gegründet hatte. Bis 1954. Gleichzeit war er als Hochschullehrer in Kiel und Hamburg tätig, er war Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle (DGMK). Und er verwirklichte ein Projekt, das 1952 als Buch erschien. Auf 1525 Seiten beschäftigt er sich dort mit vier Themen: (1) Rohstoffkunde (Stoffe, Fraktionen, Eigenschaften); (2) Verfahrenstechnik (Raffination, Cracken, Hydrierung); (3) Laboranalytik (Prüfmethoden, Normen, Apparate); (4) Industriepraxis (Anwendungen, Schmierstoffe, Betriebsmittel). Mit alledem ist Zerbes Papierflut Zerbe kein "Buch", sondern ein industrielles Wissensarchiv. Stand: Anfang der fünfziger Jahre. |