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Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939 - 1942. 3 Bände. Hgeg. vom Arbeitskreis für Wehrforschung Stuttgart. Bearb. von Hans-Adolf Jacobsen in Verb. mit Alfred Philippi.
gebraucht; gut - 3 Bücher in sauberen und gutem Zustand. Schutzumschlag jew. gebräunt sowie an den Kanten etwas berieben und angeschmutzt. - Franz Halder (1884 - 1972) war deutscher Heeresoffizier (ab 1940 Generaloberst) und als Nachfolger von Ludwig Beck von September 1938 bis September 1942 Chef des Generalstabes des Heeres. In dieser Funktion war er an den Weltkriegs-Planungen maßgeblich beteiligt: Überfall auf Polen, Frankreichfeldzug, Krieg gegen die Sowjetunion. Und im Osten gab's Streit mit dem Führer: Hitler entschied sich in seiner 'Weisung 45 für die Kriegsführung' (siehe: Walther Hubatschs Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939-1945) für einen Doppelangriff der 6. Armee auf Stalingrad und die Ölfelder von Maikop und Grosny. Halder widersprach und wurde abgelöst: durch den letzten Generalstabschef des Heeres Kurt Zeitzler. Daher endet das Tagebuch am 24.09.1942. Rückblickende Historiker verteilen die Schuld an den desaströsen Folgen dieser Entscheidung auf beide: Halder hatte sich bei seinen Schlachtplanungen mit einer vierzehntägigen Dauer bodenlos verrechnet, Hitler hatte die Kraftverhältnisse bei seiner Verdoppelung der militärischen Ziele realitätsfern verschätzt. Nach dem Staufenberg-Attentat auf Hitler im Juli 1944 geriet der Ruheständler Halder ins Visier der Gestapo: die Ermittler stießen auf seine Beteiligung an der 'Septemberverschwörung' von 1938. Hier hatten sich prominente Vertreter aus Militär, Abwehr, Politik vor dem Hintergrund der Sudetenkrise zum Widerstand verabredet: gegen den befürchteten Krieg gegen England. Halder wurde erst im KZ Flossenburg, später in Dauchau interniert und am 31. Januar 1945 aus der Wehrmacht entlassen. Das Haftende: er wurde mit anderen 'Sonderhäftlingen' (u. a. Mitgliedern der Familien Stauffenberg und Goerdeler) von der SS nach Südtirol verlegt und gemeinsam mit 141 anderen aus deren Händen am 30 1945 durch einen Hauptmann und dessen Wehrmachtssoldaten befreit. Mit seinem Ausschluß aus der NS-Nomenklatura und seiner Widerstandsepisode war Halder bestens auf die Nachkriegszeit vorbereitet. Hier verfaßte er zunächst gemeinsam mit vier Generalskollegen die Denkschrift 'Das Deutsche Heer von 1920-1945'. Auftraggeber: General William J. Donovan, der Vertreter des Chefanklägers bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, Robert H. Jackson. Die Nachricht der gutachtenden Ex-Generäle: die Wehrmacht und vor allem das Heer seien stets gegen die NSDAP und ganz besonders gegen die SS eingestellt gewesen, Entscheidungen Hitlers seien missbilligt und Kriegsverbrechen abgelehnt worden. Von Konzentrationslagern und "rein politischen Aufgaben" habe man nichts gewusst. Das Fazit: der von den berichterstattenden Generälen erlebte Krieg sei rein defensiver Natur gewesen. In deiisem Sinne habe schon der Aufmarschplan vom Dezember 1937 gegen die Tschechoslowakei ausschließlich dem Ziel gedient, Angriffsabsichten des Nachbarlandes offensiv zu begegnen, Und am Schluss der Denkschrift ein Fazit mit Ausrufezeichen. Militäropposition wie der Widerstand des 20. Juli 1944 habe sich verboten: es könne nicht "Aufgabe der führenden Offiziere sein, der Armee das Rückgrat zu brechen". (siehe: Manfred Messerschmidt: Vorwärtsverteidigung. Die "Denkschrift der Generäle" für den Nürnberger Gerichtshof. In: Hannes Heer, Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944). Der Anklagevertreter Robert H. Jackson hatte vor, die Reichsregierung, das Führerkorps der NSDAP, SS und SD, SA, Gestapo sowie den Generalstab und das Oberkommando der Wehrmacht als jeweils verbrecherische Organisationen anzuklagen. Mitgliedschaft als Straftat. Annähernd 130 namentlich benannte höchstrangige Offiziere standen in der Sache vor dem Gericht. Und das wies in seiner Entscheidung diese Anklage aus formalen Gründen, weil es weder im Generalstab noch im OKW eine Gruppe oder Organisation im Sinne der Gerichtsstatuten erkennen konnte. Der richterliche Hinweis: in diesen Fällen müsse ein individueller Schuldnachweis geführt werden. Eine der Grundlagen für diese Entscheidung: eine Zeugenaussage Halders und die Denkschrift seiner Generäle. Und mit deren Bild einer 'sauberen Wehrmacht' wurde im Folgenden die Bonner Republik gegründet. Halder blieb in dieser Zeit meinungsmachend bei der Sache: von 1946 bis 1961 arbeitete er als Leiter der deutschen Abteilung der kriegsgeschichtlichen Forschungsgruppe der United States Army, der Operational History (German) Section der Historical Division. Hier koordinierte Halder die Berichte von 300 hohen Wehrmachtsoffizieren, die ihren amerikanischen Auftragggebern in den fünfzehn Jahren ‚Sections-Arbeit' zweieinhalbtausend Studien zum Thema schulungsrelevanter Kriegserfahrungen vor allem im Osten lieferten. Und nebenbei stellte er dabei der bundesdeutschen Bewältigungsarbeit die entlastenden Stichworte bereit: der Krieg sei entweder als Verhängnis oder gar als notwendiger Präventivschlag zu sehen - auf jeden Fall aber: "als das Werk einer dämonischen, im Grunde ahistorischen Ausnahmepersönlichkeit - eben als Krieg Hitlers". Die Verantwortung für Krieg, Verbrechen und Niederlage sei somit Hitler und seinem engsten Kreis zuzuschreiben und gegen alles Gerede von Schuld solle man bei seinen Erinnerungen vor allem "der übermenschlichen Leistung des deutschen Soldaten im letzten Weltkrieg ein Denkmal" setzen". Mit solchen Sprachregelungen verfolgte Halder einen politischen Hintersinn: mit der Entlastung von Generalstab und Wehrmacht sollte in den fünfziger Jahre deren führende Rolle beim Aufbau der deutschen Nachkriegsstreitkräfte gesichert werden. Eine Subversivität mit Tradition. Halder erlebte sich als Nachahmer postwilhelminischer Täuschungs-Raffinesse: in der Weimarer Republik hatten die damals Regierenden das Versailler Verbot eines armeeführen Generalstabs durch die Einrichtung eines 'Truppenamtes' umgangen. In der postfaschistischen Bundesrepublik fühlte sich Halder mit seinen Umtrieben als Teil eines "schwarzen Generalstab(s) nach 1945". Und der war bereits Anfang der fünfziger Jahre gefordert. Das Bild der 'sauberen Armee' zeigte Wirkung. Bereits am 23. 01. 1951 versicherte der Besatzer Eisenhower dem deutschen Kanzler, er wisse, "dass der deutsche Soldat tapfer kämpfte und seine Ehre - bis auf wenige Ausnahmen - nicht verloren habe." (23.01.1951). Ein Jahr später folgte eine Ehrenerklärung Adenauers: "Ich möchte vor diesem Hohen Hause im Namen der Bundesregierung erklären, dass wir alle Waffenträger unseres Volkes, die im Namen der hohen soldatischen Überlieferung ehrenhaft zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft gekämpft haben, anerkennen… Es muss unsere gemeinsame Aufgabe sein - und ich bin sicher, wir werden sie lösen -, die sittlichen Werte des deutschen Soldatentums mit der Demokratie zu verschmelzen..." (03. 12.1952) Zu diesem Zeitpunkt hatte Adenauer bereits für administrative Strukturen gesorgt: er erfand am 26.10.1950 den "Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen" und berief Theodor Blank, der dann 1955 als erster Bundesminister in das fünf Jahre geplante Ministerium für Verteidigung einzog. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung blieben die Geschichten von der ‚sauberen Armee' Halders Mission. Bereits 1954 hatte er mit Generals-Kollegen den 'Arbeitskreis für Wehrforschung' (AfW) gegründet. Das Programm: es sollte eine gemeinsame Diskussionsplattform für alte und junge Offiziere" geschaffen werden mit der Zielsetzung, "eine Brücke vom Wehrgedanken zur Wissenschaft zu schlagen". Und in dieser Hinsicht glaubte man an Handlungsbedarf: am 24. Juli 1955 trat das ‚Freiwilligengesetz' in Kraft, das die Einstellung von bis zu 6000 Freiwilligen in die bundesdeutschen Streitkräfte erlaubte. Und hier zeigte Halders Kampagne Wirkung: Bei Gründung der Bundeswehr stammten deren Offiziere und Unteroffiziere fast ausnahmslos aus der Wehrmacht - teilweise auch aus der Waffen-SS. Im Jahr 1959 waren von 14.900 Bundeswehroffizieren 12.360 bereits in der Reichswehr oder Wehrmacht zu Offizieren ernannt worden, 300 Offiziere entstammten der Waffen-SS. Und deren ‚Wehrgedanken' wurden nun von Altgenerälen und Historikern des AfW die wissenschaftlichen Grundlagen geliefert. Im Blick auf die Vergangenheit galt dabei als unbestreitbar: die Heeresführung war das historische Opfer Hitlers, sie war das mißbrauchte Instrument seiner verbrecherischen Politik und es galt scharf zu trennen zwischen der sauberen Kriegsführung der Wehrmacht und dem schmutzigen, völkerrechtswidrigen Krieg der SS". (Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Fischer, Frankfurt am Main 2002). Bei alledem waren die Aktivitäten des AfW drittmittelfinanziert: die Dienststelle Blank, später das Verteidigungsministerium lieferten Haushaltsmittel. Und sie waren damit auch an der Edition des Halderschen Kriegstagebuches beteiligt. - Wie sehr die Schwüre auf eine ‚saubere Wehrmacht' die beiden Nachkriegsgenerationen sediert hatten, zeigte sich zwischen 1995 und 2004: zwei Wanderausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung sorgten von 1995 bis 1999 und von 2001 bis 2004 für heftige Reaktionen. Die erste hatte den Titel ‚Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944', die zweite: ‚Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944'. Erklärtes Ziel: mit der "Legende von der sauberen Wehrmacht" aufzuräumen". Die Reaktionen waren spektakulär: Aufmärsche, Sabotagen, Schlägereien. Ein Chronist stellt 2010 rückblickend fest: "die Ausstellung (habe) ein Tabu gebrochen und die Legende von der "sauberen" Wehrmacht zerstört. Dies habe heftige und emotionale Abwehrreaktionen von Betroffenen, Hunderttausender noch lebender ehemaliger Soldaten, ausgelöst, die mit ihrer "Lebenslüge" von der "sauberen" Wehrmacht konfrontiert worden seien. Sie hätten die Ergebnisse der historischen Forschung, die in der Ausstellung präsentiert worden seien, nicht akzeptieren wollen."