gebraucht; gut - einzelne Unterstreichungen im Text - Das Buch erschien erstmals 1934. Ein Jahr nach dem nationalsozialistischen Herrschaftsbeginn saß Hoche "in der südlichen Sonne", vor sich "das Blau des Mittelmeeres" und suchte nach einem "brauchbaren Motto" für sein Projekt einer "Selbstdarstellung". Er erinnerte sich an den ersten Heeresbericht 1914 und dessen Schluß: "wir werden nicht alles sagen, aber was wir sagen, wird wahr sein". Und bei dieser Konzentration auf die Wahrheit kam ein Buch heraus, das die Nähe bürgerlicher Selbstverständlichkeit zum Faschismus dokumentiert. Hier erinnert sich ein Gewissensmensch: "Lebenslänglich habe ich hinter mir gestanden und mir über die Schulter geblickt, darauf bedacht, nicht allen Täuschungen und Selbstfälschungen zu unterliegen, die unsres Fleisches Erbteil sind." (S.8) Und derart mit sich im Reinen bilanziert er "Zum reuelosen Glück gehört auch die Tätigkeit im Dienste einer Idee, die wir anerkennen oder hochstellen, z. B. die Idee des Rechtes und der Gerechtigkeit, des Vaterlandes, der wissenschaftlichen Wahrheit." (S.288) Eine solche Idee ist für den Autor der ärztliche Umgang mit dem Sterben. 1934 bekennt er: "ich lehne den Standpunkt ab, daß der Arzt die bedingungslose Pflicht hat, Leben zu verlängern; ich bin überzeugt, daß sich, allen selbstsicheren Inhabern der Moral zum Trotz, die höhere Auffassung durchsetzen wird: es gibt Umstände, unter denen der Verzicht auf Hilfe für den Arzt kein Verbrechen bedeutet." (S.290) In seinen 'Innenansichten' verbindet er dieses Bekenntnis mit dem Fall eines sterbenden Kindes, das er dem Vater um der medizinischen Forschung willen durch "eine kleine Morphiumeinspritzung" zu entziehen erwägt. Er unterläßt es. Seine Gründe: "Unser wissenschaftlich berechtigter Wunsch nach Aufklärung eines dunklen Krankheitsfalles schien mir nicht genügend." (ebd.) Vierzehn Jahre vorher (1920) war er sich sicher. Als Mitautor der Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form" Und hier gilt für ihn der historisch gebotene Imperativ: "Unsere deutsche Aufgabe wird für lange Zeit sein: eine bis zum höchsten gesteigerte Zusammenfassung aller Möglichkeiten, ein Freimachen jeder verfügbaren Leistungsfähigkeit für fördernde Zwecke. Der Erfüllung dieser Aufgabe steht das moderne Bestreben entgegen, möglichst auch die Schwächlinge aller Sorten zu erhalten, allen, auch den zwar nicht geistig toten, aber doch ihrer Organisation nach minderwertigen Elemente Schutz angedeihen zu lassen - Bemühungen, die dadurch ihre besondere Tragweite erhalten, daß es bisher nicht möglich gewesen, auch nicht im Ernste versucht worden ist, diese von der Fortpflanzung auszuschließen." Damit hatte Hoche zur bildungsbürgerlichen Denkbarkeit gemacht, was die Nationalsozialisten als 'Rassenhygiene' exekutierten. Und er hatte am Rande ein Forschungsprogramm begründet, das viele Kollegen Hoches in Konzentrationslagern mit 'Experimenten am Menschen' abarbeiteten. Für den heutigen Leser sind daher Hoches Erinnerungen vor allem eins: ein Dokument dafür, wie nah sich anstandsbürgerliches Denken und nationalsozialistische Politik waren. Und die Schrift Hoches und Bindings war auch nach 1945 in Gebrauch: bei der Verhandlung von ärztlichen Verbrechen diente sie zur Entlastung von beschuldigten Medizinern, die sich mit dem Verweis auf die professsorale Lehre den jeweiligen Anklagen mit dem Argument wiederstzten, sie hätten sich bei ihren Unmenschlichkeiten lege artis verhalten. Mit Erfolg. Die Gerichte akzeptierten Hoches Hygienelehre als 'medizinische Referenzpublikation' und sprachen frei oder milde Urteile. Die Begündung: mit ihrer Vernichtung unwerten Lebens seien die Ärzte einem 'unvermeidbaren Verbotsirrtum' aufgesessen. Am Rande: der dichtende Volksschullehrer Florian Seidl machte das Thema Hoches zu einer Romanerzählung: er literarisierte das Thema 'unwertes Leben' als Familiendrama. Wobei auch hier die Lebensgeschichte des Autors bemerkenswert ist: nachdem Seidl ab 1933 als nationalsozialistischer Bekenntnisautor Karriere gemacht hatte, wurde er 1945 in München Lehrer, wurde 1954 mit einem Literaturpreis ausgezeichnet und erhielt 1972 den Schwabinger Kunstpreis. (Florian Seidl, Das harte Ja. Roman, Berlin 1934)