gebraucht; sehr gut - Simone de Beauvoir kannte Leiris schon lange. Iris Radisch beschreibt die Pariser Szene des August 1944: "Die Pariser Sommergäste, die in dieser Saison in den Künstlerwohnungen von Saint-Germain-des-Prés die Nacht zum Tag machen, sind Albert Camus und die Schauspielerin Maria Casarès, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Michel und Louise Leiris, der Schriftsteller und Galli-mard-Lektor Raymond Queneau, Jacques-Laurent Bost und Olga Kosakiewicz, Pablo Picasso und dessen Muse Dora Maar, der frisch aus dem Gefängnis entlassene Schriftsteller Jean Genet, der Bibliothekar Georges Bataille, der Psychoanalytiker Jacques Lacan und der Dichter Paul Éluard." (Iris Radisch, Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben) Im Jahre 1945 hatten sich de Beauvoir und Sartre dann mit einigen von ihnen zur Herausgabe der Zeitschrift 'Les Temps Modernes' zusammengetan. Neben Beauvoir und Sartre gehörten zu der Redaktion die künftigen Prominenten: Michel Leiris, Maurice Merleau-Ponty, Albert Olivier und Jean Paulhan. In einer ihrer eigenen Autobiographien (Alles in Allem) erinnerte sie sich an die Lektüre der kollegialen 'La Règle du Jeu' (erschienen 1948, erstmals übersetzt von Hans Therre 1982) "Ich habe leicht Zugang dazu gefunden, weil die Welt von Leiris sich zum großen Teil mit der meinen deckt. Wir bewohnen die gleiche Stadt, ich kenne zum großen Teil seine Freunde, die Bücher und die Musik, die er besonders liebt. Ich habe zum gleichen Zeitpunkt die Reise nach China gemacht, von der er spricht. Ich kenne ihn sowohl persönlich wie durch sein Werk. Dieses Werk nimmt mich durch jene gewissenhafte Genauigkeit ein, die Leiris für das Leben, die Welt, für sich selber aufbringt, und durch die Distanz, die er gleichwohl zu alldem behält. Es liegt Humor in seiner sorgsamen Exaktheit und ein gewisses Bemühen um Präzision noch in seinem Humor. Er versucht weder, sich zu einer Statue zurechtzumodellieren, noch sich unter dem kühlprüfenden Blick des Entomologen in ein Insekt zu verwandeln. Gleichzeitig als Komplize und doch distanziert führt er uns einen Menschen vor: diesen ganz speziellen Menschen, den er verkörpert." 2015 widmete das Centre Pompidou Metz dem 'Revolutionär des Genre Autobiographie' eine Ausstellung: 'Leiris & Co. Picasso, Masson, Miró, Giacometti, Lam, Bacon…' Aus der Begründung der Macher: "Sein literarisches Werk macht ihn zu einem der innovativsten Autoren des vergangenen Jahrhunderts: Als Verfasser des Romans L'Âge d'homme [auf Deutsch erschienen unter dem Titel: Mannesalter] und des vierbändigen Werkes La Règle du Jeu [auf Deutsch: Die Spielregel] revolutionierte Leiris das Genre der Autobiografie. Als experimentierfreudiger Dichter und leidenschaftlicher Sprachakrobat fordert er auch für die Literatur eine Ästhetik des Risikos (in seinem Essay "De la littérature considérée comme une tauromachie", dt. "Literatur als Stierkampf"). Antikolonialist und Antirassist der ersten Stunde und streitbare öffentliche Figur, bleibt er dessen ungeachtet vor allem stets der einsame Schriftsteller. Michel Leiris lässt sich nicht einordnen: Er war eine ebenso vielschichtige wie widersprüchliche Persönlichkeit, deren Modernität sich heute deutlicher offenbart denn je."