| Beschreibung | Ehem. Bibliotheksexemplar (Literarische Abteilung der Metallgesellschaft A.G., Frankfurt). Etikettierung am Buchrücken, Stempel und Vermerke auf dem Titelblatt. Innen sauber und ohne Anstreichungen.Ein überraschendes Buch in einer Bibliothek für ausgewiesene Kenner ihrer Prozesse und Werkstoffe. Über die Bedeutung im Bestand läßt sich nur mutmaßen. Zunächst das Offensichtliche. Wittenbergs Buch war eine ‚Alphabetisierung' für Laboranfänger: es ging dort um Grundoperationen (Filtrieren, Trocknen, Wiegen, Pipettieren), Gerätekunde (Wasserbad, Trockenschrank, Bürette, Kolben, einfache Apparaturen), Sicherheitsregeln (Umgang mit Säuren, Laugen, Hitze, Glasbruch), Arbeitsorgansation (Ordnung, Etikettierung, Reinigung). Wittenberger lieferte Wissen, das einen Neuling in die Lage versetzte, ein Labor zu betreten, ohne andere zu gefährden. Damit war der Anfänger, dem dieses Buch als Orientierung in die Hand gedrückt wurde, nicht auf dem Weg zum Chemiker. Er lernte lediglich im Bereich einfachster Zuarbeiten, keine Fehler zu machen, die den Betrieb störten. Alles in allem: ein ‚Hilfsbuch für Laboranten, Chemiewerker und Fachschüler'. Dazu paßte der Verlag: Springer Wien war im frühen 20. Jahrhundert der zentrale Verlag für Lehr und Ausbildungsbücher im deutschsprachigen Raum - und zwar nicht für akademische Forschung, sondern für Fachschulen, technische Lehranstalten, Laborantenkurse, Chemiewerker Ausbildung. Erstaunlich ist die Anschaffung dieses Buches im Jahre 1942. Und jetzt wird's spekulativ: wir sind in einer Zeit akuter Materialknappheit, aber auch akuter Knappheit an helfenden Händen. Den Laboratoriums-Chronisten Wassermann und Wincierz waren 1981 für die Zeit zwischen 1936 bis 1945 drei Feststellung wichtig: "es wurden Auflagen gemacht, um ganz bestimmte Entwicklungen in den Vordergrund zu stellen. Allerdings sei hervorgehoben, daß es Hauptaufgabe des Metall-Laboratoriums gewesen ist, Werkstoffe zu entwickeln, die unmittelbar nicht militärischen Zwecken dienten und solche Metalle wie Kupfer, Nickel und Zinn ersetzen sollten, um noch ‚Austauschwerkstoffe' für den zivilen Bedarf zur Verfügung zu haben." (S. 33) Neuere Forschungen korrigieren dieses Bild. Der Professor für Technik- und Umweltgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, Helmut Maier, sieht es anders: gerade die Forschung an ‚Austauschwerkstoffen' (Ersatzmetallen) ) war die fundamentale Bedingung dafür, dass die Rüstungsindustrie überhaupt produzieren konnte. Ohne die im Labor entwickelten Zink- und Bleilegierungen für Maschinenkomponenten oder die Optimierung von Gleitlagern hätten Lastwagen, Panzer und Flugzeuge der Wehrmacht aufgrund von Zinnmangel schnell stillgestanden. In dieser Hinsicht weist die Publikationsliste des Labors eine stattliche Anzahl von Untersuchungen zur angewandten Metallkunde und zu Aluminium-, Blei-, Zinkwerkstoffen (Ersatzmetalle) aus. Im Labor war also Betrieb: und damit gab es Bedarf an Hilfskräften, die den Spezialisten fürs Mischen und Messen die Geräte reinigten, Proben vorbereiteten, Schlämme, Erze, Lösungen transportierten… Und jetzt wird's hypothetisch. Unser Buch macht in einer Bibliothek für Experten nur Sinn, wenn in deren Arbeitsbereich Menschen unterwegs waren, die eingewiesen und angelernt werden mußten. Die Vermutung: dies war ein Buch für den Umgang mit dienst- oder zwangsverpflichteten Frauen und Männern, und ausländischen Hilfskräften, die für oben beschriebenen Zuarbeiten eingesetzt wurden. Erstaunlich bleibt auch: dieses Buch behielt bis zur Auflösung der ‚Literarischen Abteilung' der Metallgesellschaft (1994) seinen Platz. Ein möglicher Grund: nach 1945 wurde aus der kriegsbedingten Notbesetzung wieder eine reguläre, staatlich anerkannte Lehrlingsausbildung für Laboranten. Hier blieb ‚der Wittenberger' auch in den 1950er bis 1970er Jahren das Standardwerk. Aus dem Buch wurde also im internen Gebrauch nach seiner Zeit als Anleitung für Genötigte zum Lehrmittel in der betrieblichen Ausbildung. Das angebotene Buch ist die Erstauflage, Es folgten kontinuierliche Überarbeitungen und Erweiterungen, darunter die 4. Auflage (1950), die 5. Auflage (1957) und die 6. Auflage (1963). Die 7. Auflage ist erschienen 1973. Dies ist die letzte, vollständig überarbeitete gedruckte Originalausgabe des Autors Wittenberger (unter Mitwirkung von Egbert v. Schivizhoffen). Nach dieser Ausgabe ‚von letzter' Hand ist inzwischen die 12. Auflage erreicht (2012). |